Liebe Kunden und Freunde des Weinhandel Falstaff,

das Genussmittel Wein wird in unseren Zeiten (da gesellschaftlich en vogue wie nie...) nicht nur getrunken, sondern auch lebhaft diskutiert. Eine erfreuliche Situation! Dabei hat sich in den knapp 30 Jahren, in denen ich mich intensiv mit Wein beschäftige (wenn auch ein "Wimpernschlag" in der Jahrtausende alten Geschichte des Weins), doch einiges geändert. Nicht wenig davon beschäftigt mich durchaus, bzw. ich bin zwangläufig damit konfrontiert. Da dieser Weinhandel sehr persönlich geführt wird und mir die Lust am Wein nach wie vor wichtiger ist wie rein betriebswirtschaftliche Interessen, seien mir ein paar Anmerkungen zum Thema gestattet.

Weinpreise:
Anfang der 1990er Jahre kostete zum Beispiel ein aktueller Jahrgang des renommierten Chateau Margaux etwas über 100.- DM. Viel Geld, aus heutiger Sicht jedoch ein Witz. Eine Abfrage im Jahr 2018 in der Internet-Weinsuchmaschine (www.wine-searcher.com) ergibt für einen aktuellen Jahrgang 2015er Chateau Margaux einen Durchschnittspreis von über 1500.- Euro brutto - pro Flasche wohlgemerkt. Dabei gibt es noch weitaus extremere Beispiele. Wenn man Studien zum Thema Wein und Preis betrachtet (selbst bei recht extremen Produktionsbedingungen und "Weinkönigin mit eingerechnet" wie mir ein Winzer augenzwinkernd berichtete) ist wohl so etwa bei 30.- Euro pro Flasche Schluss. Das heißt, alles was Sie darüber hinaus bezahlen, ist anderen Faktoren geschuldet. Faktoren die von der eigentlichen Erzeugung des Produktes losgekoppelt sind. Ein relevanter Punkt (den ich akzeptiere) sind sehr alte Weine, denn der Faktor Zeit lässt sich schwer bewerten. Viel Geld für Wein auszugeben, hat sicher auch etwas mit Leidenschaft zu tun. Ab wann "die Sinnfrage gestellt wird", muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Regelmäßige "Blindverkostungen" sind übrigens ein gutes Mittel um Weine in ihrer realen Wertigkeit wahrzunehmen.

Dogmen und Moden:
Vor allem dann, wenn Dogmen beim Wein zur Ersatzreligion werden (ein gesellschaftliches Phänomen), stehe ich diesen sehr kritisch gegenüber. Ich habe den Eindruck, Weindogmen werden im Zuge der persönlichen Profilierung immer präsenter. Einige davon ärgern mich. Zum Beispiel das neue Dogma des "schlanken" Weins mit wenig Alkohol. Nicht, dass ich etwas gegen schlanke Weine mit wenig Alkohol einzuwenden hätte. Es gab sie schon immer! Gerade die deutschen Kabinette waren und sind Musterbeispiele dieser Gattung. Oder die Gattung "Steinfeder" in der Wachau in Österreich, sie entspricht dem schlanken Weintyp auf perfekte Weise (zur Erklärung: Die nächsthöhere Gattung "Federspiel" ist dann etwas konzentrierter und "Smaragd" stellt die Maximalqualität dar). Ich wehre mich dagegen, wenn ein "Smaragd" nun wie ein "Federspiel" schmeckt (freilich zum Preis eines "Smaragd"). Ich sehe darin keinen Sinn. Weitere Dogmen wie "Wein muss authentisch sein" oder "Wein braucht Zeit" sind ausgesprochen komplex in ihrer Thematik - denn "wann ist ein Wein authentisch?" und "wieviel Zeit braucht welcher Wein?". Und dann noch die ganz wichtige Frage: "Welche Weine bevorzugen Sie ganz persönlich?".
Denn interessanterweise entscheidet der "vorurteilsfreie" Verbraucher oft anders als von Profi-Verkostern vorgebetet. In der Fachzeitschrift "Vinum" im April 2017 gab es dazu ein interessantes Vinum-Panel "Frauen vs. Männer". Folgende Ergebnisse wurden herausgefiltert: "Das Geschlecht hat bedeutend weniger Einfluss auf die Weinwahl als gemeinhin angenommen", "Fachleute bevorzugen ganz andere Weine als Konsumenten" und "die unterschiedlichen Geschmacksvorlieben von Fachleuten und Konsumenten relativieren den Wert von Benotungen"... Ein lieber Freund, tätig in einem renommierten Weinhaus, klagte mir vor einiger Zeit sein "Leid", dass (entgegen dem, was als neues Dogma gilt) "noch immer fette Weine" gefragt sind. Der Konsument ist also ungehorsam, darüber muss ich schmunzeln!
Dem Thema Dogma durchaus verwandt sind Weinmoden. Eine davon möchte ich hier herausgreifen: Orangewein, manchmal auch Naturwein genannt. Inspiriert von der knapp 5000 Jahre alten Kultur des Weinbaus in Georgien werden damit Weißweine bezeichnet, die aufgrund unterschiedlicher Ursachen wie Maischegärung, ungeschwefelt und längerer Kontakt mit Sauerstoff eine dunklere Farbe haben. Eine Neuerfindung ist der Orangewein also nicht. Und er wirft oft die modernen Erkenntnisse, die zu sauberen, fruchtbetonten Weinen geführt haben, über den Haufen. Nicht zuletzt darum spaltet dieser Weintyp die Konsumenten emotional oft in entweder glühende Verehrung oder strikte Ablehnung. Wenn die Weine sauber sind und keine Vinifikationsfehler (was häufiger der Fall ist) aufweisen, stellen sie aus meiner Sicht eine echte Bereicherung in der Geschmackspalette dar - nicht mehr und nicht weniger. Warum allerdings ein Orangewein, dessen Hauptmerkmal vor allem ein längerer Maischekontakt wie auch bei Rotwein ist, in der Regel so viel mehr kosten soll, bleibt mir ein Rätsel, bzw. ist wohl nur mit Marketing zu erklären. Geschützt oder wirklich näher eingegrenzt ist der Begriff Orangewein zudem nicht. Anders ist das beim kontrolliert-biologischen Wein, der auch mit dem Begriff Mode nichts zu tun hat. Um falschen Vorstellungen vorzubeugen (manchmal werde ich das gefragt): Sie können einen "Biowein" verdeckt nicht wirklich herausschmecken, aber es ist zweifellos ein wichtiger und sinnvoller Weg in der Wein- bzw. Traubenerzeugung. Dieser Weg ergibt - zumindest potentiell - auch die besseren Weine. Vor allem dann, wenn es um "Terroir" (um Individualität und Ausdruck einer Region) geht, sind lebendige, gesunde Böden von großer Bedeutung. Ich führe darum mit Überzeugung viele biologisch-kontrollierte Weine, die mit dem Zusatz "Bio" entsprechend gekennzeichnet sind.

Denn zweifellos stellt sich beim Wein die Frage nach der Qualität sehr wohl, wenn auch abhängig in Bezug zur Preisklasse, und auch abhängig in Bezug dazu, wie diese Qualität definiert wird. Davon abgesehen: Wein soll Freude machen, er soll schmecken, und dies ist nicht zuletzt auch eine Frage des passenden Moments! Dürften Sie nur noch oben erwähnten Chateau Margaux trinken, würden Sie das nach einiger Zeit als Bestrafung empfinden. Darum: Vertrauen Sie auf sich selbst, schmecken Sie hin, denken Sie darüber nach - das ist durchaus förderlich. - und genießen Sie.

Ich biete Ihnen Weine an, die ich in ihrer Qualitätsklasse besonders überzeugend finde und hoffe, damit auch Ihren Geschmack zu treffen. Wenn es mir gelingt "Rosinen herauszupicken", die Ihren Gaumen erfreuen, will ich zufrieden sein.

In diesem Sinne, viel Freude mit dem lustvollen Thema Wein!

Toni Wallner, Dipl.Sommelier